Xenophora – muschelsammelnde Schnecke & Namensgeberin für dieses Blog

Auch wenn sich auf diesen Seiten keineswegs alles nur um Xenophoren drehen wird – der Name “Xenophora” erschien mir einfach passend für ein Blog, in dem es schwerpunktmäßig um meine Interessen gehen soll. Denn das Sammeln der ungewöhnlichen Häuschen dieser Schnecke gehört mit zu meinen liebsten Freizeitbeschäftigungen. Und so ist dem Thema auch der allererste Beitrag hier gewidmet. Was also hat es mit diesen Schnecken Besonderes auf sich?
 
Xenophoren gehören zu den wenigen heute lebenden Schnecken, die Fremdkörper in ihre Gehäuse einbauen. Daher sieht jedes Gehäuse anders aus und es gibt ausgesprochen aparte und sehr originell dekorierte Häuschen. Diese Besonderheit verlieh der kleinen Schneckenfamilie auch ihren Namen: “Xenophora” bedeutet übersetzt so viel wie “Fremdträgerin”, abgeleitet von den griechischen Begriffen  ξένος (xenos) für fremd und -φορος (-phoros) für tragend. Auch im Deutschen wird die Xenophora in Anspielung auf ihr Verhalten oft als (Lasten)trägerschnecke bezeichnet, im Englischen nennt man sie analog “Carrier shell”.

Fossil ist die Gattung Xenophora seit dem Cenoman (der unteren Oberkreide, also seit rund 95 Millionen Jahren) überliefert;  rezent kennt man 26 Arten bzw. Unterarten. Für Interessierte findet sich die genaue taxonomische Eingliederung der Tiere am Ende des Artikels.

Xenophoren sind rein marine Schnecken und leben fast ausschließlich in tropischen bis subtropischen Gewässern: Das Verbreitungsgebiet der heute vorkommenden Arten erstreckt sich über den gesamten Pazifik, den westlichen Atlantik, den indischen Ozean und (für eine Art, nämlich Xenophora crispa) das Mittelmeer. Hier besiedeln sie sowohl Flachwasserhabitate als auch Meerestiefen bis zu 1500 m. Als Weidegänger grast die Xenophore den Algenrasen vom Meeresgrund oder strudelt Detritus. Ein kräftiger Fuß befähigt sie trotz der oft ausladenden, schweren Gehäuse zu springender Fortbewegung.

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Wie bereits angeführt, agglutiniert die Schnecke während des Wachstums vom Meeresgrund aufgesammelte Fremdkörper in das Gehäuse. Unter den angehefteten Objekten finden sich nicht nur die plakativ im Titel genannten Muschelschalen, sondern auch fremde Schneckenhäuser, Schwammstücke, Seeigelstacheln, Haizähne, Korallenäste oder kleinere Gerölle – und manchmal sogar nicht-natürliche Gegenstände wie Glasscherben, Münzen oder Kronkorken. Der Einbau selbst unterliegt gewissen Gesetzmäßigkeiten – so werden beispielsweise Muschelschalen stets mit der Innenseite nach oben befestigt und längliche Fremdkörper (wie Turmschnecken) typisch radiär angeordnet. Hierbei besitzen die verschiedenen Arten, aber auch einzelne Individuen, durchaus Vorlieben für bestimmte Objekte. Übrigens zeigen nicht alle Xenophoren das typische Bauverhalten, wie die am Ende des Artikels eingestellten Bilder illustrieren.

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Die Anheftung der Objekte ist ein langwieriger Prozess, der bis zu zehn Stunden in Anspruch nehmen kann. Hierzu muss das einzubauende Material zunächst an der späteren Kontaktstelle gereinigt werden, bevor die Xenophore es anschließend mit Hilfe von Kopf und Fuß an der gewünschten Stelle positioniert. Fixiert wird das Objekt schließlich durch vom Mantelrand abgeschiedene, klebrige Sekrete. Während diese langsam aushärten, muss die Schnecke in einer Art Ruhezustand verharren, um den Einbau nicht zu gefährden.
 
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Ursache und Sinn der außergewöhnlichen Bautätigkeit sind bis heute nicht sicher erforscht. Diskutiert werden

  • die optische Tarnung vor möglichen Freßfeinden (eine Theorie, die allerdings nur in lichtdurchfluteten Flachwasserhabitaten sinnvoll ist)
  • eine Stabilisierung der Lage bzw. mechanische Abwehr beim Angriff durch Freßfeinde
  • eine Oberflächenvergrößerung nach dem Schneeschuhprinzip, die das Einsinken im weichen Meeressediment verhindern soll
  • die Beschwerung/Schwerpunktverlagerung des Gehäuses zur Stabilisierung bei stärkeren Meeresströmungen

In der Tat stehen Tiefe des Lebensraums und Auswahl der eingebauten Objekte offenbar in Bezug zueinander: Während im flachen Wasser (starke Strömung, härterer Untergrund) massive Gegenstände bevorzugt werden, so sind es in tieferem Wasser (geringe Strömung, weicher Untergrund) eher längliche Objekte. Eine Tatsache, die durchaus als Indiz für die beiden letztgenannten Theorien gewertet werden könnte. Natürlich bestimmt aber auch das Angebot die Baumaßnahmen ganz wesentlich mit.

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So skurril und einzgartig die Bautätigkeit der Xenophora auch anmuten mag, einmalig ist sie dennoch nicht: Im Verlauf der Erdgeschichte existierten mindestens noch 2 weitere (auch nicht näher mit Xenophora verwandte) Schneckengattungen, die ein ähnliches Verhalten zeigten: Beide haben allerdings nur kleinere Gegenstände bzw. Sandkörner an ihr Gehäuse angeheftet und sind heute bereits ausgestorben. Es handelt sich hierbei um Vertreter der Gattungen Straparollus (De Montfort, 1810) und Scaliola (Adams, 1860).
 
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Und auch rezent findet sich bei der landbewohnenden Schnecke Napaeus barqini (Alonso und Ibáñez, 2006) ein ähnliches Phänomen: Zur optischen Tarnung heftet sie aktiv Erdkrümel und Flechten außen an ihr Gehäuse, ein wirklicher Einbau in die Schale findet im Gegensatz zu Xenophora allerdings nicht statt. Im Spiegel findet sich hierzu ein interessanter Artikel mit Bildern und einem Video sowie dem Link zur Originalpublikation von Christoph Allgaier.
 
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Taxonomie der rezenten Xenophoren: Die Familie der Xenophoridae (Philippi, 1853) umfasst 4 (Unter-) Gattungen mit 26 Arten/Unterarten:
 
verwendete Literatur und interessante Links:

  • Ponder, Winston. F.: A Revision of the Recent Xenophoridae of the World and of the Australian Fossil Species (Mollusca: Gastropoda), Australian Museum Memoir 17: 1-126, with appendix by W.F. Ponder and J. Cooper [31 December 1983], Download als PDF-Datei
  • Kreipl, K. & Alf, A. (1999): Recent Xenophoridae: 148 pp., ConchBooks, Hackenheim
  • Fink, W.: Xenophora davolii (Manganelli, Spadini & Cianfanelli) – Eine außergewöhnliche Schnecke aus dem Pliozän Italiens, in: Freunde der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Historische Geologie München e.V.: Jahresbericht 2007 und Mitteilungen 36, Verlag Dr. Friedrich Pfeil München 2008, pp. 25 (bzw.: Fink, W.: Urzeitliche Lastenschlepper: Trägerschnecken, in: fossilien, Zeitschrift für Hobbypaläontologen, Heft 2 / 2008)
  • Kreipl K, Alf A. & Kronenberg G C:  A new subgenus of the family Xenophoridae, Philippi 1853 (Mollusca, Gastropoda), Spixiana 22: 179-189 (1999) http://biostor.org/reference/52654
  • www.steinkern.de: Das besondere Fossil: Xenophora – Eine “Muschelsammlerin” aus der westfälischen Oberkreide

 
Alle hier abgebildeten Xenophoren stammen aus meiner eigenen Sammlung.