Samenstrangfistel beim Pferd

3 IMG_9394a_800_72Eigentlich ist dieses Blog ja den schönen Dingen des Lebens gewidmet. Das Zusammenleben mit Pferden bringt es aber leider mit sich, dass ab und an auch Kummer und Sorgen entstehen. Im konkreten Fall litt Monty, unser Welsh-Zwerg, an einer Samenstrangfistel. Samenstrangfisteln sind relativ häufige Komplikationen nach Kastrationen, dennoch ist die Information, die man im Netz dazu findet, eher dürftig. Dass zudem auch meine fast schon pathologisch umfangreiche Pferdebibliothek unsere konkreten Fragen kaum beantwortete, bewog mich schließlich, unseren Krankheitsverlauf hier zu dokumentieren, in der Hoffnung, damit dem ein oder anderen in einer ähnlichen Situation weiterzuhelfen zu können.

Monty, 9 Jahre alt, ging frisch kastriert in unseren Besitz über. Wie kurz die Kastration allerdings tatsächlich zurück lag (nämlich gerade mal 5 Wochen!) war uns leider nicht bekannt. Heute würde ich bei einem Kauf in jedem Fall das exakte Datum erfragen und im Zweifelsfall zusammen mit einem Tierarzt engmaschig die OP-Narbe kontrollieren. Über Samenstrangfisteln wusste ich jedoch zum damaligen Zeitpunkt recht wenig und so wurden keine weiteren Vorsichtsmaßnahmen von uns getroffen.

An einem Mittwoch also, genau 12 Wochen nach der Kastration, bemerkte ich beim Putzen zum ersten Mal verkrustetes Sekret an Montys Hinterbeinen. Mein erster Verdacht war trotz des etwas untypischen Erscheinungsbildes “Kotwasser” – alle neu abgesetzten Pferdeäpfel waren allerdings von normaler Konsistenz, der Popo sauber und das Pony augenscheinlich in gutem Zustand. Also maß ich der Entdeckung erstmal keine größere Bedeutung bei. Am Samstag darauf dann allerdings genau die gleichen Verklebungen, diesmal jedoch viel großflächiger, so dass der Ursprung schnell lokalisiert war: Eine dicke Eiterkruste befand sich genau dort, wo früher einmal der rechte Hoden gesessen hatte. Auf Anraten der Tierärztin reinigte ich mit einer sterilen Kompresse die Stelle und schickte ihr per Mail umgehend Fotos zu. Die daraufhin bereits am Telefon gestellte Verdachtsdiagnose Samenstrangfistel wurde dann am nächsten Tag bei einem persönlichen Besuch leider bestätigt, ein OP-Termin in der Klinik umgehend vereinbart. Das Pony war fieberfrei, was täglich kontrolliert wurde und hatte offensichtlich keine oder nur geringe Schmerzen; allerdings zeigte es sich nicht besonders lauffreudig.

Während der OP wurde mir dann klar, warum eine Antibiose bei diesem Erkrankungsbild keinen Sinn macht: Nicht nur der noch vorhandene Samenstrangstumpf ist durch eingedrungene Bakterien entzündet, sondern der ganze Bereich wird zusätzlich von wild wucherndem Gewebe abgegrenzt. Da somit keine Blutzufuhr zu den Eiterherden stattfinden kann, wird auch kein Antibiotikum mehr wirken! In unserem Fall maß das entstandene Gebilde etwa 5 cm im Durchmesser und schätzungsweise 15 cm in der Länge. Die Fistel bereitet dem Pferd erstmal kaum Beschwerden, wird aber gefährlich, wenn sie (nicht wie bei uns nach außen, sondern) nach innen in die Bauchhöhle aufbricht. Kommt es zu dieser Komplikation, wird das Pferd hohes Fieber entwickeln und es besteht die große Gefahr einer Bauchfellentzündung (Peritonitis). Öffnet sich der Ausgang nach außen, so muss dennoch operiert werden, zur Ruhe kommt der Entzündungsherd sonst nämlich leider nie.

Während der OP wurde also in Vollnarkose das komplette Gebilde herausgeschnitten, dabei der Fistelgrund identifiziert und das Gewebe noch mehrere Zentimeter im Gesunden abgesetzt.

5 Tage musste Monty danach in der Klinik bleiben, durfte aber täglich mit uns spazieren gehen. Die ersten 2 Tage befand sich wegen der zu erwartenden Sickerblutungen noch eine Tamponade im (zugenähten) Ponybauch, am 3. Tag allerdings wurde diese dann entfernt und die OP-Naht offen gelassen. Dies mag auf den ersten Blick befremdlich wirken, hat aber durchaus Sinn, da ein Anstau des entstehenden Wundsekrets unweigerlich zu Komplikationen führen würde. Beim Pferd kann ja nicht so einfach eine Drainage gelegt werden, wie beim Menschen. Der Pferdebesitzer darf sich also nicht davon verunsichern lassen, dass das Pferd die ersten beiden Wochen nach der OP eine doch recht große, tropfende und nässende Wunde besitzt. Langsam, aber sicher wird diese von innen sekundär zuheilen! Die größte Gefahr ist, dass die Schnittkanten frühzeitig verkleben und es dadurch zu einem Sekretstau kommt. Das Pferd wird dann fiebern und einen schlechten Allgemeinzustand zeigen. In diesem Fall muss umgehend der Tierarzt gerufen werden! Obwohl bei uns, bis auf ein Ödem, das entzündungsbedingt eines Tages plötzlich in der Nabelgegend am Bauch hing, alles vorbildlich heilte (und auch das Ödem war nach Aussagen der Tierklinik noch im Rahmen des “Normalen”), haben wir doch öfter mal unsere Tierärztin schauen lassen. So ein täglich neu blutbesudeltes Pony lässt einen einfach manchmal unsicher werden.

Aber, wie gesagt, alles gut gegangen. Die Wundränder haben wir täglich mit lauwarmer Rivanol-Lösung gewaschen – bis zu dem Zeitpunkt, da das Pony diese Prozedur nicht mehr duldete und wir das Gefühl hatten, es sei nun auch nicht mehr unbedingt nötig. Alles in allem war die OP-Nachsorge also undramatisch – wenn man wusste, damit umzugehen. Mittlerweile hat Monty sich übrigens prima von den ganzen Strapazen erholt und traut auch uns bösen Rivanol-Wäschern wieder über den Weg. Wir sind also glücklicherweise durch mit der unschönen Geschichte!

Abschließend zur Illustration noch die Fotos, die wir zu Beginn der Tierärztin geschickt haben: So sah das Ganze aus:

Erstbefund (erstes Bild), Fistelausgang nach Entfernen des Eiterpropfes (zweites Bild):

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