Gelassenheitsübungen mit den Ponys

Seit vielen Jahren konfrontiere ich Pico regelmäßig mit typischen Angstauslösern: Egal, ob Flatterbänder, Rappelsäcke oder Planen: Pico meistert sie dank der stetigen Wiederholungen längst mit Bravour. Als wohl erzogenes Pony schnaubt und prustet er zwar scheinbar furchterregt zu Beginn jeder neuen Trainingslektion beim Anblick der von mir drapierten Gegenständen – der geübte Pony-Beobachter allerdings erkennt genau den Gedanken des konditionierten, braven Pferdes: “Aha! Üben wir mal wieder gefährliche Dinge!” – sprich, Pico hat das Muster der Übungseinheiten längst durchschaut und weiß sehr genau, dass ihn nie etwas wirklich Bedrohliches erwarten würde. Und so wird Pico von Dingen, die früher durchaus aufgeregtes Tröten, Hyperventilation und Stepptänze zur Folge gehabt hätten, heute nur noch zu einem halbherzigen Nüsternblähen veranlasst. Zumindest diese Freude macht er mir immerhin noch: Er tut ein klein wenig so, als müsste er sich überwinden … Seit gut einem Jahr darf auch Monty entsprechende Gefährlichkeiten üben. Immer wieder interessant für mich, zu beobachten, wie unterschiedlich die beiden Ponytiere auf Neues reagieren. Monty, prinzipiell der weitaus Mutigere, hatte in seinem bisherigen Leben allerdings offenbar wesentlich weniger Gelegenheit, sich mit komischen Dingen auseinanderzusetzen. So habe ich bei ihm auch ganz klein angefangen, nämlich mit einer simplen Pylonenreihe:


In der Freiarbeit darf er grundsätzlich selbst entscheiden, wie weit er mitarbeiten möchte, allerdings kann man sich ziemlich sicher sein: die Neugierde und der Wunsch, “seinen” Menschen nahe zu sein, motivieren Monty recht zuverlässig! Erst, wenn eine Übung stressfrei gemeistert wird, verwende ich auch den Führstrick, um kleine Korrekturen leichter anbringen zu können. Gezwungen, und das ist ganz wesentlich, wird bei uns garantiert kein Pony!
Weitaus gefährlicher, als es Pylonen je sein könnten, sind übrigens wechselnde Untergründe, hier simuliert durch eine Plane, herumliegendes Tetra-Pack oder – für kleine Montys – auch mal nur durch Cavaletti-Stangen:

Nachdem sich Monty das erste Mal überwunden hatte, die für ihn wirklich gruselige Raschelplane zu betreten, war er kaum noch zu bremsen. Immer wieder ist er begeistert über die Plane gestapft, hin und her … und wieder hin … und noch mal zurück … sich ganz offensichtlich freuend wie ein kleiner Schneekönig. Sehr zu meiner Überraschung tags drauf im Gelände dann ein fürchterlich aufmerksames Pony, das mich tatsächlich zu jedem größeren Klecks auf dem Boden geführt und erwartungsvoll angesehen hat, so dass ich gar nicht anders konnte, als brav dem frisch antrainierten Ritual zu entsprechen: Pony sichtet potentiell gefährliche Stelle, Menschlein marschiert mit einem Leckerli bewaffnet und vielen lockenden, liebkosenden Worten darüber, und schon bekommt das mutig hinterher tippelnde Pony seine Belohnung. So hatten wir beide wirklich viel Spaß und ich war einmal mehr erstaunt und begeistert, wie klug Monty kombiniert, gelernte Dinge anwendet und selbständig mitarbeitet: Er hat die “gefährlichen” Stellen ausgesucht, ich habe sie mit ihm “geübt”.
So ein Transfer ins echte Leben und vor allem eine solche Eigenständigkeit des Pferdes sind natürlich nur in den seltensten Fällen zu erwarten, aber darum geht es bei den Übungen ja auch gar nicht. (Anders formuliert: Unser charmanter, kleiner Lauser weiß einfach ganz genau, wie man sich zusätzliche Guttis ergaunert …)
Aber zurück zum eigentlichen Thema: Eine weitere nützliche Übung ist das Passieren einer “engen Gasse” oder – noch um einiges spannender – das Betreten eines kleinen Podests:

Das Podest war für Pico anfangs eine wirkliche Herausforderung! Lange hat er mit sich gekämpft, ehe er sich überwinden konnte, das unheimliche Gestell zu besteigen. Einmal allerdings herausgefunden, dass er – nur wenige Zentimeter “größer” – von oben problemlos über die Hallenbande nach draußen spechten kann, fand er das grandios!
Nächste Übung: Bälle. Ganz unterschiedlich hier die Reaktion der beiden Ponys: Pico, von klein auf Kinder und Spielzeug gewöhnt, zuckt selbst dann mit keiner Wimper, wenn er einen Ball an den Kopf geworfen bekommt. Monty dagegen nähert sich selbst einem harmlos (heimtückisch? hinterhältig?) still herumliegenden Ball nur sehr skeptisch. Bewegt sich das runde Ding auch nur ein bisschen, nimmt er ganz schnell Reißaus:

Was für Monty Bälle, ist für Pico der böse Rappelsack, ein mit alten Konservendosen gefüllter Müllsack, der – ich gebe es unumwunden zu – beim Schleifen über den Boden auch für Menschenohren durchaus unangenehme Geräusche macht. Mit ein bisschen Übung konnten wir ihn allerdings sogar reitenderweise hinter uns herziehen.

Eine wichtige Übung, da im Gelände – zumindest bei schlechtem Wetter – allgegenwärtig, sind Regenschirme. Man kann sie in Lauerstellung herumliegen lassen, von ihnen verfolgt werdend damit herumspazieren, sich von ihnen bedrohen lassen, indem man sie aufspannt und wieder schließt und (zumindest bei Pico) auch damit Herumreiten. Das Pony kann sie anpusten, anstupsen, zwischen mehreren hindurchlaufen oder auch hineinbeißen (zumindest Pico). Fazit: Eine sehr variable Übung mit vielfältigsten Möglichkeiten.

Sicherlich die größte Herausforderung unserer kleinen Trainingseinheiten sind Flatterbandvorhänge. Wir beginnen stets mit einzelnen Bändern, die zuerst nur am Boden herumliegen, später vorsichtig ein bisschen bewegt werden und dann dem Pony auch mal näher kommen.
Hat man schließlich einen ganzen Flatterbandvorhang, so startet man am besten mit zur Seite geschobenen Bändern und einem Helfer. Idealerweise ist das Gestell an einer (nämlich der bandenabgewandten) Seite offen, damit sich ein unkontrolliert zur Seite springendes Pferd nicht verletzen kann. Eine entsprechende Vorrichtung stand uns bei der Übungseinheit, bei der die Bilder entstanden sind, leider nicht zu Verfügung, wir sind aber mit der vorliegenden Konstruktion und entsprechender Behutsamkeit auch gut zurecht gekommen. Mit ein bisschen Übung ist es kein Problem, das Pferd selbst durch den geschlossenen Vorhang zu schicken. Pico jedenfalls meistert das mittlerweile ganz prima, obwohl er anfangs alles andere als begeistert war.

Kurzum: Wir haben von Übungen wie diesen in den letzten Jahren sehr profitiert. In entspannter Atmosphäre, ruhig und ohne Druck geübt, entschärft sich so manche vermeintlich kritische Situation. Mit jedem Erfolgserlebnis sind die Ponys ein bisschen selbstbewusster geworden und haben immer mehr Freude an entsprechenden Übungen entwickelt. Ich selbst konnte natürlich auch immer mehr Sicherheit gewinnen: Ich kenne die Reaktionen meiner Ponys und weiß, dass ich ihnen eigentlich immer vertrauen kann – egal, wie gefährlich ein Monster auch scheinen mag, Pico und Monty geben einfach immer noch auf mich Acht. Und meine Pferde wissen: Wann immer ich behaupte, eine Sache sei ungefährlich, kann man mir Glauben schenken. Das bedeutet nicht, dass automatisch die Furcht weg ist, aber die Bereitschaft und das Vertrauen, es mit meiner Unterstützung zu versuchen, sind einfach gegeben.

Voraussetzung für entsprechende Übungen ist natürlich ein ungestörtes, ruhiges Plätzchen und eine verletzungsfreie Umgebung. Ich arbeite prinzipiell nie mit Druck oder Zwang, sondern schaffe positive Anreize durch Stimm- bzw. Futterlob. Wichtig ist, das Pferd nicht zu überfordern und Reizüberflutung zu vermeiden. Selbstverständlich sollte sein, dass als Vorbereitung entsprechende Basisarbeit im Roundpen und solides Führtraining durchgeführt wurden. Gerade anfangs darf man die Erwartungen nicht zu hoch schrauben: Ein unter Trainingsbedingungen akzeptierter Regenschirm kann im Gelände dann doch wieder recht unheimlich auf das Pferd wirken – Pferde differenzieren durchaus zwischen der Übungssituation und dem “echten Leben”. Trotzdem lernt man natürlich, gemeinsam mit dem Pferd die Situation zu meistern und findet eine immer bessere Basis zur Kommunikation – auch in Extremsituationen.

Abschließend noch ein Wort zur Sicherheit: Auf einigen Bildern sitze ich ohne Sattel und ohne Helm auf Pico, der wiederum lediglich ein Knotenhalfter trägt. Dies kann ich für uns verantworten, da wir ein seit langen Jahren gut aufeinander eingespieltes Team sind. Zur Nachahmung sind solche Nachlässigkeiten aber natürlich nicht zu empfehlen! Zudem können Knotenhalfter böse auf Nervenbahnen und andere empfindliche Punkte am Pferdekopf drücken. Für ein Pferd, bei dem heftige Abwehrreaktionen zu erwarten sind, halte ich sie nicht zuletzt deshalb für absolut ungeeignet. Die entsprechenden Bilder entstanden in einer kurzen Phase, in der wir das Knotenhalfter für uns getestet haben, wir arbeiten normalerweise nicht damit. Leider habe ich aber keine anderen Fotos.
Für entsprechende Übungen sollte man natürlich ausnahmslos Handschuhe tragen, eventuell sind auch Sicherheitsschuhe zu empfehlen. Die Pferdebeine mit Gamaschen zu schützen kann ebenfalls nicht schaden.