Das Reichenbacher Felsenmeer

Reichenbacher Felsenmeer
Natürlich hatten wir nicht erwartet, an einem herrlich sonnigen Herbst-Sonntag die einzigen Besucher des Reichenbacher Felsenmeers zu sein. Da jedoch alle Geoptope, die wir bislang besichtigt hatten, kaum frequentiert waren, haben wir mit den Menschenmassen, wie wir sie diesmal vor Ort angetroffen haben, tatsächlich überhaupt nicht gerechnet.

Leider ist es vorwiegend offenbar weder naturwissenschaftliches noch archäologisches Interesse, das Heerscharen von Menschen anlockt, sondern das Felsenmeer dient als überdimensionierte Hüpf- und Kletterburg. Den Geräuschpegel mag man eventuell noch tolerieren – und wie die Fotos beweisen, konnte ich mit entsprechendem Aufwand tatsächlich mehr Gesteinsblöcke als Menschen ablichten – Tatsache bleibt aber, dass das Verhalten der Besucher ganz offensichtlich massive Schäden anrichtet und sich in den meisten Ritzen und Spalten eine erschreckende Menge Unrat angesammelt hat. Dass es sich beim Felsenmeer um ein besonderes, schützenswertes Naturdenkmal handelt, scheint der großen Masse erstaunlicherweise nicht bewusst zu sein. Und auch das Informationszentrum am Fuße des Felsenmeers sowie die Tafeln vor Ort lenken den Fokus leider nicht konsequent genug auf die wissenschaftlichen Hintergründe.


 
Das Felsenmeer besteht aus einer beeidruckenden Ansammlung von Quarzdiorit-Blöcken, die durch die sog. Wollsackverwitterung zu kantengerundeten Körpern geformt wurden.

Quarzdiorite gehören zu den Plutoniten, sind also Gesteine vulkanischen Ursprungs. Im Gegensatz zu den Vulkaniten, die bei Vulkaneruptionen auf die Erdoberfläche geschleudert werden, kristallisieren Plutonite tief im Erdinnern, wenn die Magmenkammer die Oberfläche nicht erreicht. Entstanden ist das Gestein vor etwa 340 Millionen Jahren zur Zeit des Karbons, als die beiden Urkontinente Gondwana und Laurussia kollidierten und dabei einen umfassenden Gebirgsgürtel aufschoben (Variszische Orogenese, vgl. Skizze unten). Durch die resultierende Druckerhöhung entstanden im Erdmantel die Gesteinsschmelzen, aus denen sich schließlich der Quarzdiorit bildete.

Durch Schrumpfungsprozesse während der Abkühlung, aber auch mechanische Beanspruchung bei Hebung und Senkung des Geländes, kommt es zu einer mehr oder weniger intensiven Zerklüftung eines solchen Intrusivkörpers. Je nach Zusammensetzung und Beschaffenheit des Gesteins entstehen dabei unterschiedliche Bruchformen, die durch eindringende Lösungen weiter ausgespült werden. Im Falle von massigen Gesteinen wie dem Quardiorit entstehen auf diese Weise die charakteristischen »Wollsäcke«.

Sind die überlagernden Gesteinsschichten schließlich komplett abgetragen, kann es außerdem zu einer Umlagerung der einzelnen Blöcke kommen. Im Falle des Reichenbacher Felsenmeers hat sich eine beeindruckende Anzahl von Felsblöcken in einer großen Rinne als Blockmeer gesammelt, als sich das Gebiet des Odenwalds gehoben hat.

Die Quarzdiorite des Felsenmeeres wurden bereits in der Antike von den Römern genutzt. Es sind zahlreiche vor Ort bearbeitete Werkstücke erhalten, die interessante Einblicke in damalige Techniken und Arbeitsweisen bieten. Da wir unseren Besuch allerdings wegen des Trubels kurzentschlossen vorzeitig abgebrochen haben, um dem Felsenmeer später einmal unter (hoffentlich) besseren Bedingungen einen erneuten Besuch abzustatten, habe ich davon nur einen kleinen Eindruck bekommen.

Abschließend eine stark vereinfachte Skizze, die die variszische Orogonese visualisieren soll. Und das Streckeisen-Diagramm rechts zeigt die Einteilung der plutonischen Gesteine. Damit es leserlich in voller Größe dargestellt wird, bitte beispielsweise mittels rechtem Mausklick in neuem Tab/Fenster öffnen.


 
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Verwendete Programme:

Paläogeographische Skizze und Streckeisen-Diagramm erstellt mit Gimp 2.8.6.